Column

Nur die Reichen leben länger

Alle setzen auf den Longevity-Trend, aber wofür eigentlich, fragt sich unsere Kolumnistin. Bis sie auf ein Konzert von Lenny Kravitz geht.

Mitten in der Affenhitze der vergangenen Woche habe ich mich gefragt, wie man alt werden kann, wenn das der kühlste Sommer ist, den wir erleben werden. Wahrscheinlich ist das eine doofe Frage, weil unter den Umständen eh niemand mehr alt werden will. Der Planet kann verdorren, Hauptsache, wir haben schöne Haut, würde Marie-Antoinette heute sagen.

Longevity heißt der Trend der Stunde. Zellen hacken, um schöner, länger, besser zu leben. Natürlich ist die Story so alt wie die von Cleopatra und der Eselsmilch. Letztere ist heute nicht mehr en vogue, dafür finden sich in Drogeriemärkten ganze Regalreihen mit Packungen voller Vitamine, die vor zehn Jahren noch keiner kannte. Heute hingegen hält mir jeder dahergelaufene Michel, der zweimal im Gym war, ein Referat über Protein oder Creatin. Die passenden Studien trägt er im Handy mit. Die Lebenszeit, die diese Leute mir damit rauben, kann mir hinten niemand dranhängen, denke ich oft.

Das Netz ist voller Gesundheitsgurus, Angeboten zu Retreats, alles, was das Herz der Altersfürchtigen begehrt. Wie schaffen die Mitglieder im Club der Gesundheitsguerilla ihr Programm? Ihr Tag scheint 32 Stunden zu haben. Schon morgens pressen sie sich Säfte, mit oder ohne Ballaststoffen. Grün sollen sie sein, aber auch mal Rote Bete, Hauptsache Detox.

Glukose ist auch so ein neues Zauberwort. Sie darf nie in die Höhe schnellen, sonst stünden wir kurz vor dem Tod, heißt es. Bei jeder Mahlzeit schnellt die Glukose hoch, aber gut. Die Gurus meinen, man müsse das kontrollieren. Zucker selbst hingegen muss man auf null setzen, sonst könnte mein Körper in einem Flächenbrand aufgehen. Mein kroatischer Lieblingsonkel schwört selbst in der Rente auf seine deutschen Butterkekse zum Frühstück – und hat trotzdem noch sein Paul-Newman-Gesicht.

Lenny Kravitz gilt als Longevity-King

Longevity ist eine Gelddruckmaschine. 415 Millionen Packungen mit Nahrungsergänzungsmitteln werden inzwischen in Deutschland verkauft: Proteine, Collagen, Vitamine, all das. Nach den Ängsten rund um Corona wollen wir offenbar was gegen den Tod unternehmen. Dabei geben sich viele so verbissen der Gesundheit hin, dass man den übergesunden Menschen inzwischen am harten Kiefer erkennt.

Neulich besuchte ich ein Konzert von Lenny Kravitz, 62. Auch er gilt als Longevity-King, seit er vor ein paar Jahren auf dem Cover des Magazins „Men’s Health“ mit nacktem Oberkörper und Surfbrett zu sehen war. Er spielte stundenlang ohne das geringste Anzeichen von Müdigkeit. Kein Gramm Körperfett, altersloses Gesicht, feste Stimme. Klar fasziniert das. Angeblich isst auch Lenny grün und gesund. Vor allem aber lebt er in einem Traumhaus auf den Bahamas, denke ich, wartet auf Eingebungen für neue Songs und will, wie er sagt, seine beste Inkarnation werden auf Erden. Das ist sein Hauptjob. So lebt sich’s natürlich longer. Das Geld dazu hat er auch.

Meine Großmutter hatte das Geld nicht und ist trotzdem meine Longevity-Königin. Sie hatte in ihrem Steinhaus in Kroatien nur einen kleinen, runden Spiegel an der Wand. Wenn sie mit 80 noch den Ziegen hinterherrannte, lief sie eleganter den Berg hoch als so manches Mädchen. Pillen nahm sie nur, wenn sie musste. Bis heute esse ich nichts, was sie nicht in drei Sekunden erkannt hätte. Diese Art von Langlebigkeit würde keinen Umsatzboom auslösen. Sie verdankt sich etwas, das heute kaum mehr jemand kann: Zufrieden saß meine Großmutter vor ihrem Haus und vertiefte ihre Lachfalten, bis die Menschen sie besuchen kamen, die sie liebte.