Column

Alte Damen besitzen eine Schönheit, mit der Jugend nicht konkurrieren kann

Unsere Kolumnistin möchte ein Zeichen setzen gegen angebliche Schönheitsideale und für gesundes Altern. Weil sich der Jugendwahn zu allererst gegen Frauen richtet.

Einmal habe ich ein wunderschönes Bild einer alten Frau in den sozialen Medien gepostet. Es zeigte Elen Jordano, die im hohen Alter für Yves Saint Laurent modelte. Üblich im Netz ist heute eher eine Anleitung zum Jugendwahn: Spritzen, Botox, Produkte. Hier aber sah man eine Lady mit Altersflecken, tiefen Falten, zerknitterter Haut an den zarten Händen. Sie trug eine helle Bluse, ihr gebräuntes Dekolleté war tief ausgeschnitten. Eine sinnliche Frau, die eine Margerite hielt, als würde sie rauchen. Fast alle in der Kommentarspalte bewunderten sie.

Ich fand alte Menschen schon immer von einer Schönheit, mit der die Jugend nicht konkurrieren kann. Natürlich kann auf eine andere Art auch das Alter nicht mit der Jugend konkurrieren; es sind unterschiedliche Schönheiten. In der Jugend zeigt sich das Versprechen eines Lebens, im Alter seine Erfüllung. Die entfaltete Schönheit.

Ich schreibe bewusst nicht ältere Frau, sondern: alte. Wir fassen heute das Wort „alt“ an, als wäre es eine Krankheit, dabei ist es das Gegenteil: Die Alten sind gesund genug geblieben, ihr altes Gesicht zu erleben. Von wie vielen Menschen hätten wir gern ihr altes Gesicht gesehen, es wurde ihnen und uns aber nicht gegönnt. Ich fühle vor allem Dankbarkeit und Bewunderung, wenn ich alte Menschen sehe.

Meine Großmutter blickte mich noch mit 90 verschmitzt an. Ich sprach oft von ihren Sonnenblumenkerben, es war, als hätte sich ihr Gesicht immer zur Sonne gedreht. Eine Creme hat sie, glaube ich, nie benutzt. Heute lassen sich 18-Jährige bereits ihre Lippen „harmonisieren“. 13-Jährige werden süchtig nach Insta-Protokollen für schöne Haut. Ich verstehe das, als Schülerin fragte ich mich auch, warum meine Unterlippe voller ist als die Oberlippe. Dann aber sah ich berühmte Frauen, etwa Cindy Crawford, bei denen das auch so war, und ich dachte: Ah, vieles ist schön. Crawfords Tochter Kaia Gerber hat heute „harmonisierte“ Lippen. Für mich stören solche Lippen eher die Harmonie im Gesicht.

Ich sehe viele junge Frauen in den sozialen Medien, wie sie auf dem Sessel in einer Schönheitsklinik sitzen. Sie filmen sich und schreiben: „Normalisiere Botox mit 30!“ Jede Frau soll tun, was sie möchte, ja. Trotz allem ist das eine Propagandamaschinerie, die donnert: Kein weibliches Gesicht ist schön genug! Ihr reicht nicht!

Mir fehlen die Gesichter in ihrer Unterschiedlichkeit. Obendrein beginnt jetzt der Wahn mit den dünnen Körpern wieder. Ozempic macht Dünnsein käuflich. Und so wird das Fleisch der Jugend weggespritzt, während alte Menschen hart dafür arbeiten, ihre Muskeln zu bewahren. Kapitalismus is a bitch, von allen Seiten füttert er sich satt, nährt unsere Zweifel und leert unsere Taschen. Wir sind doch genug.

Gegen Schönheitsideale und für gesundes Altern

Ich habe mich entschieden, bewusst dagegen zu arbeiten. Ich kämpfe bewusst gegen alles, was die Schönheits- und Gesundheitsindustrie uns Frauen antun möchte. Ich staune über Frauen aller Generationen, verliebe mich immer noch in Gesichter, die das Leben gezeichnet hat. Meine gefühlt jüngste Freundin ist 83. Keine ist so wild wie sie, als wäre sie eine ewige Anfängerin. Das Leben bewegt sich in Wellen, ich werde aber misstrauisch, wenn diese zu Phasen werden, die vor allem mit Produkten in Verbindung gebracht werden. Ich will, dass wir Frauen leben, wie wir wollen, in jedem Alter. Ich will, dass wir, wenn wir das wollen, uns zeigen können und nicht gesagt bekommen, wir interessierten nicht. Ich denke, das beginnt damit, dass wir uns interessieren – für uns selbst und für andere Frauen. Teilen, lieben, leben, bis wir das Zepter wieder in den Händen halten.

Früher, so heißt es, war mehr Matriarchat.