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Bundesverdienstorden für Heidelberger Podcasterin: Wie entsteht ein Miteinander?

Gerade haben Tausende die Deutsche Einheit gefeiert- am Wochenende gab es in Bremen und an vielen anderen Orten Feste und andere Veranstaltungen. Heute verleiht Bundespräsident Steinmeier Verdienstmedaillen und Bundesverdienstkreuze an Menschen, die sich einsetzen: für die Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Eine der Geehrten ist die Heidelberger Journalistin und Podcasterin Jagoda Marinic. SWR-Aktuell-Moderator Jonathan Hadem hat mit ihr gesprochen.  

SWR Aktuell: Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung heute?
Jagoda Marinic: Das ist in einem Wort jetzt schwer zu sagen. Es bedeutet mir viel, es bedeutet mir, dass gesehen wird, wenn man sich dafür einsetzt, Menschen zusammenzubringen. Das war mein wichtigstes Ziel in diesen Jahren, auch indem ich das Interkulturelle Zentrum aufgebaut habe: dass wir Räume geschaffen haben, in denen viele Menschen sich eingebracht haben und dass es auch wahrgenommen wird, wenn man tatsächlich – manchmal denkt man so, bringt das alles was, kommt das bei den Menschen an – und dieser Tag ist für mich ein Zeichen: Ja, das wird schon angenommen, das wird schon wahrgenommen.
Freiheit bedeutet für mich: keine Angst zu haben.
Jagoda Marinic, Journalistin und Podcast-Host
SWR Aktuell: In Ihrem Podcast „Freiheit Deluxe“ bringen die Gäste immer ein Freiheitszitat mit. Was bedeutet Freiheit für Sie?
Marinic: Freiheit bedeutet für mich das, was das Lied ist, mit dem mein Podcast beginnt: “No fear”, keine Angst zu haben. Es sind ja heute immer alle ganz schnell dabei zu sagen, sie dürften dieses nicht, sie dürften jenes nicht. Und ich lebe in diesem Land, und ich lebe in Freiheit, und ich finde, wir dürfen das alle nutzen. Wir dürfen alle unsere Meinungsfreiheit, unsere Kunstfreiheit – ich bin ja auch Schriftstellerin – hier weiterhin leben und uns äußern, und das sollten wir genießen, das sollten wir verteidigen.
Was mich interessiert, ist die Vermenschlichung – dieses “Mehr-Mensch-Sein”.
Jagoda Marinic, Gründerin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg
SWR Aktuell: Sie schaffen ja Orte der Begegnung, also im Podcast, aber auch ganz real in Heidelberg mit Ihrem Interkulturellen Zentrum. Sehen Sie sich da als jemand, der den Anfang macht, der so einen ersten Schritt gehen kann, also auch jemand, der andere motiviert?
Marinic: Ich glaube, dass es nicht gut funktioniert, wenn man sagt, “mach mal mit”. Ich glaube, was wichtig ist, ist, dass man selbst lebt, dass man die Neugier hat, dass man auf andere neugierig ist, dass man Menschen einlädt. Im Interkulturellen Zentrum, als ich das damals gegründet habe – ich leite das ja nicht mehr –, haben viele gesagt, es ist großartig, dass wir hier zeigen können, was wir können, dass es ein Haus ist, in dem es um Ressourcen geht, um Talente. Und das versuche ich auch jetzt, wo ich das Literaturfestival leite, immer wieder Räume zu schaffen, wo Menschen erleben. Es gibt Ressourcen, es gibt das Positive, der Mensch ist ein lernendes Wesen. Wie können wir gemeinsam in diese Begegnungs- und Lernräume gehen, wie können wir auch Inspiration, Begeisterung erleben. Wir sind ja ein so miesepetrig gelauntes Land manchmal im Alltag, denke ich – und wenn ich sage, wir begegnen uns dann auch, weil ich sage, da ist ja eine zwischenmenschliche Lust am Miteinandermachen, am Miteinanderdenken, am Weiterentwickeln, wir sind soziale Wesen. Wir hören ständig “KI” und “Roboter” und “Entmenschlichung”. Ich glaube, was mich interessiert, ist die Vermenschlichung, dieses Mehr-Mensch-Sein, Mehr-Mensch-Werden.
Für Deutschland gilt: Du sollst nicht alles glauben, was du sprichst.
Kulturjournalistin Jagoda Marinic
SWR Aktuell: Wie kriegen wir das aber tatsächlich auch hin, dass wir das sozusagen in ein – ich nenne es jetzt mal – in ein anderes deutsches Mindset reinkriegen, dass wir eben nicht mehr nur diese Miesepetrigkeit haben, sondern eben das, was Sie gerade sagen, dass man eben auch zusammen etwas wirklich schaffen kann?
Marinic: Es gibt ja, glaube ich, ein Buch von Kurt Krömer, “Du sollst nicht alles glauben, was du denkst”, wenn man Depressionen hat. Manchmal denke ich, für Deutschland müsste es heißen: “Du sollst nicht alles glauben, was du sprichst”. Sls ich gestern in Berlin ankam, stand etwas von Armin Nassehi an einer Tafel, dass die deutsche Gesellschaft nicht so gespalten sei wie ihre Diskussionen – und ich teile das. Wir sind nicht nur ein Lager und das andere Lager, wir sind ein vielfältiges Land, es gibt eine Vielzahl an Meinungen, und ich denke, manchmal dürfen wir uns auch nicht alles glauben, was wir da in den letzten Jahren diskursiv erleben. Schließlich sind solche Diskussionen leider auch von Konzernen gesteuert, von Musk und Trumpisten, die Lust darauf haben, dass wir streiten. Am besten geht das tatsächlich in der analogen Begegnung, den Menschen in die Augen zu sehen, sich an den Tisch zu setzen, und da kann man dann auch wieder zivilisiert streiten. Streiten kann ja was Wunderbares sein, wenn es irgendwo hinführt. Ich glaube, wichtig ist, dass wir nicht denken, es ist so schlecht, wie wir es gerade schlechtreden, sondern an jedem Tag zu gucken: Wie komme ich in die Drehung von dem, was ich an meinem Leben schätze, und wo kann ich mich einsetzen, wenn es schlecht ist? Also wenn ich schon rumkrittele: Vielleicht gibt es ja auch den Moment, wo ich selber sagen kann, na ja, da rufe ich mal an und frage, ob ich mit anpacken darf.