Column

Was ist nur aus dem süßen Nichtstun geworden?

Alle posen für Instagram, und wo kommen nur die vielen SUP-Bretter her? Unsere Kolumnistin erlebt am Strand der Adria, dass die Urlauber den Müßiggang verlernt haben

So ein Sommer ist auch nicht mehr, was er mal war. Nicht nur wegen der Hitzerekorde, sondern wegen der übertätigen Menschen, die diese Hitze verursachen. Vor etwa 20 Jahren muss der sommerfaule Mensch, wie ich ihn kannte, ausgestorben sein. Ich schätze, der Letzte seiner Art wird demnächst aus dem trockenen Flussbett der Donau gezogen und daraufhin ausgestellt werden: Homo relaxens.

Ich suche wie jedes Jahr meine Ruhe an der Adria, aber der übertätige Mensch ist am Mittelmeer angekommen. Früher träumte man in den Sommermonaten vom Leerlauf. Erika und Klaus Mann schrieben einmal schwärmerisch über die Riviera: „Die größte Attraktion ist das Nichtstun.“ In der Sonne sitzen, ein bisschen spazieren gehen, das war’s. Mensch sein ist ja schon viel. Es ist, als wäre bei den meisten vom Menschsein nicht viel übrig, nur noch das Tätigsein.

Kein Nichtstun mehr im Urlaub

Alles spüren außer sich selbst. „Il dolce far niente“ wurde verschluckt, Ferien sind zu einer Anstrengung unter vielen mutiert. Man muss das eigene Sommerleben für andere ausstellen, in den sozialen Medien. Selbst meine Verwandten, die früher jeden August mit uns Sommerkroaten so viel frei wie möglich hatten, müssen heute alle herumrennen, trotz Rekordhitze. Sommer heißt jetzt: Geld machen. „Genug“ ist ein Wort, das keiner mehr kennt. Der Tourismus ist in der Luxusliga angekommen, und jeder will etwas haben vom Braten, bevor die Superreichen die Küste unter sich aufteilen. Der Turbokapitalismus zeigt die Deformation im Zeitraffer: Der Mensch sieht sich nur noch in der Verwertung. Andere Menschen sind Publikum: Schaut, wie viel mehr ich gemacht habe! Sichzeigen statt Nichtstun.

Strände sind zur Angebermeile geworden. Teure Cafés dort, wo einst im improvisierten Container billige Getränke verkauft wurden. Strandliegen vermietet man teilweise so teuer wie früher ein Appartement. Bei Einheimischen galt als Standard, mit nur einem Handtuch über der Schulter zum Baden zu spazieren. Mehr Zeug galt als stillos. Wer diese Sitte brach, wurde belästert und zurück in die Bescheidenheit gezwungen. Im Zeitalter von Instagram ist die Scham tot. Applaus im Netz ist wichtiger. Keiner schämt sich mehr. Ich vermisse sie, die Schambegabten.

Die Schamlosen verwandeln die Strände in Zeltplätze. Warum muss man ein halbes Decathlon-Zelt mit an die Küste nehmen, zumal es meist Bäume gibt? Und pro Familie braucht es mindestens ein SUP-Brett. Wie viele Väter in diesem Sommer an meinem Strandtuch vorbeilatschen und dieses Brett tragen, so lang, wie ein Basketballspieler groß ist. Die Füße dabei oft in diesen hässlichen Strandschuhen. Was ist mit den Fußsohlen der Männer passiert? Die Väter und Onkel meiner Kindheit habe ich nie in diesen Plastikdingern gesehen.

Konsum-, ähm Freizeitangebote für Kinder sind an jeder Ecke Pflicht, sonst scheint der Strand nicht kindgerecht zu sein. Als ich klein war, galt das Meer an sich als Versprechen. Jetzt bauen sie am Strand die gleichen Spielanlagen wie zu Hause in ihren Wohngebieten. Die Eltern gehen nur noch dort zum Kaffeetrinken, wo man gegen Gebühr lieb zu Kindern ist. An den Stränden meiner Kindheit gab es höchstens ein „Pedalin“, ein Tretboot. Die Rücken meiner Cousins und ihrer braun gebrannten Freunde kletterte ich umsonst hoch, sie warfen mich und die anderen Kleinen ins Wasser. Müde lagen wir danach im Schatten der Bäume, schliefen am Meer und spürten den Hunger kommen. Tag um Tag dieselbe lange Weile. Das Nichtstun im Sommer, der trotzdem viel zu schnell verging, war der Sommer, wie ich ihn liebte.